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Ein zeitgenössiger Rückblick-Drehscheibe von Bahn, Auto und Schiff
Koblenz und Industrie. Das war über Jahrzehnte ein Widerspruch. Lange glaubten die Stadtväter, von Militär und Verwaltung leben zu können. Bis sie die wirtschaftlichen Realitäten eines Besseren belehrten. Der späte Start ins Industriezeitalter hatte aber auch seine guten Seiten. Monostrukturen wurden vermieden, zudem entstanden moderne und vor allem umweltschonende Produktionsstätten.
Das durch die Bomben des Krieges arg gebeutelte Koblenz erlebte zunächst nur eine bescheidene industriell-gewerbliche Ausbauphase. Wie Harald Winkler in der Geschichte der Stadt Koblenz ausführt, wurde bis Anfang der 50er Jahre zunächst einmal das im Rauental ausgewiesene Industriegelände belegt. Das Areal wurde vor allem durch den Bau des Mineralölhafens und der mit ihm verbundenen Betriebe geprägt.
Auch wenn die Überlegungen weit in die 20er Jahre zurückreichten, stand eine Erschließung des späteren Industriegebietes Koblenz-Rheinhafen noch nicht zur Debatte. Vor allem Lützel und Metternich boten Alternativen zum Rauental. Hier standen insgesamt rund 900.000 Quadratmeter für die Gewerbeansiedlung bereit.
Zu den Pionieren der Koblenzer Industrie gehörten das Papier- und Kartonagewerk Meyer & Stemmle, die Blechwarenfabrik Züchner und das neu gegründete Rei-Waschmittelwerk, das im Mai 1965 mit 965 Beschäftigten zum größten gewerblichen Arbeitgeber der Stadt wurde. Steil bergauf ging es auch mit der schon 1934 unter Beteiligung des Kaufmannes Carl-Spaeter gegründeten Stoßdämpfer- und Stabilisatorenfabrik Stabilus, die bereits 1959 rund 300 Mitarbeiter zählte.
Nur halbherzig begannen im Bereich des späteren Rheinhafens die Vorbereitungen der Planungen und der Ankauf der meist landwirtschaftlich genutzten Grundstücke. Dabei gab es durchaus attraktive Interessenten. So scheiterten schließlich die Verhandlungen mit den Kölner Ford-Werken, weil die Verwaltung und Rat die Entstehung einer industriellen Monokultur befürchteten.
Den entscheidenden Impuls für eine Wende gab der Ausbau der Mosel zur Großschifffahrtstraße. 1956 hatte man den Ausbau des Flusses für 1500-Tonnen-Schiffe in die Wege geleitet, 1964 war die Neuordnung samt Staustufen endlich abgeschlossen. Zu den weiteren wichtigen Veränderungen gehörte die Elektrifizierung der linksrheinischen Bahnstrecke von 1958 und der Bau der Autobahn A 48 Dernbacher Dreieck- Trier in den 60er Jahren. Koblenz wurde zur Drehscheibe und Schnittstelle von Bahn, Auto und Schiff und somit Logistikstandort und Güterverkehrszentrum (GVZ). Die bislang vorhandenen Kapazitäten reichten deshalb nicht mehr aus. Das galt besonders für den nach dem Krieg wieder hergerichteten Moselhafen am Nordufer der Altstadt.
Am 2. August 1957 erhielt endlich ein Ingenieurbüro den Auftrag, die Vorplanungen für den Hafen in Wallersheim in Angriff zu nehmen. Das Projekt sollte eine Größenordnung von 38 Millionen Mark erhalten, im Juli 1961 begann der Bau des Hafenbeckens. Schon am 25. Januar 1965 wurde der für die Stadt so wichtige neue Hafen eingeweiht.
Der in Koblenz nun doch spürbare Fortschritt lockte schließlich auch ausländische Investoren an. Zu den ganz Großen gehörte von Anfang an das Girling Bremsen Werk. Das britische Unternehmen investierte 26 Millionen Mark in ihre neue Koblenz Produktionsstätte. Das Unternehmen firmierte vor wenigen Jahren in Lucas Varity Automotive und später in TRW um. Die Produktionsstätte ist nach wie vor der größte industrielle Arbeitgeber in Koblenz und gilt nach zahlreichen Modernisierungen als Vorzeigewerk innerhalb der Gruppe.
Der US-Aluminiumhersteller Kaiser entschloss sich ebenfalls, im neuen Industriegebiet eine Fabrik zu errichten. Auch hier begann eine Erfolgsgeschichte, die nach dem Übergang zur niederländischen Hoogovens-Gruppe (1987), die ihrerseits mit British Stell zu Corus (Corus Aluminium Walzprodukte GmbH und Corus Bausysteme GmbH) verschmolz, nicht endete und so gute Perspektiven wie noch nie hat. Auch wenn es punktuell Rückschläge gab, nahm das Industriegebiet weiter deutliche Konturen an. So kam 1970 die Kimberly-Clark-Gruppe an den Rhein, die ihren neuen Standort Schritt für Schritt ausbaute. Nicht vergessen werden sollte auch, dass zahlreiche alteingesessene Betriebe ihren Sitz verlegten und ihre Kapazitäten zum Teil erheblich ausbauten. Das führte zur Ausschöpfung der Flächen im neuen Industriegebiet, das geschickt den technischen und strukturellen Veränderungen angepasst wurde.
(Quelle: RZ; Sonderveröffentlichung, 27.05.2000)
