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Hannelore Kraeber

Unser täglich Brot
on von Weck, Schässjer, Päffe-Ninncher on ....

Brot
Brot spielt im Glauben  und im Leben eine grosse  Rolle. Wie bei unseren Vorfahren ist es in vielen Koblenzer Familien auch im 21.Jahrhundert noch guter Brauch auf der Rückseite eines Brotlaibes vor dem Anschneiden mit dem Brotmesser ein Kreuzzeichen zu machen. Wie G. Fiebig von der rheinischen Lebensart im 16.Jahrhundert zu berichten weiß, wurde in den gemeinen Backhäusern, Baubackes genannt, meist nur Schwarzbrot , also reines Roggenbrot, gebacken. Gegen Ende dieses Jahrhunderts gab es auch mehr und mehr Weißbrot und Wecke. Brot spielte  in der Ernährung hier schon immer eine wichtige Rolle. So wurden die Brotpreise am Beispiel eines vierpfündigen Oberländerbrotes auf der Basis einer Polizeitaxe 15 Jahre lang von 1851 – 1856 beobachtet und notiert. Die Schängel hatten damit ‚die Nase vorn‘  lange schon bevor Verbraucherverbände  Marktforschung und –Informationen übernehmen.
 
Backwerk war also schon immer beliebt. So verwundert es nicht, dass es bis ins 21.Jahrhundert zu einer rasanten Entwicklung und Angebot kommt. ‚Von kleinen Brötchen backen‘ kann keine Rede mehr sein. Die Backstube Hommen GmbH. bietet in ihren Filialen täglich 25 Brotsorten, 20 verschiedene Brötchen und 280 andere Backartikel an. Die  Altstadtbäckerei Klein, Nähe der Liebfrauenkirche konkurriert in der Woche mit über ca. 30 verschiedene Brot-, 24 verschiedene Brötchensorten und 70 weiteren Backartikeln.
 
Was aber genau lieben die Schängel?
 
B u t t e r b r o t e, wurden für Feld- und Fabrikarbeiter neben dem Essen im ‚Kachelche‘ praktische Tagesverpflegung. Heute würde man von einem Lunchpaket sprechen.  Nicht aufgezehrte, hundsgewöhnliche Butterbrote wurden  Kindern als  etwas Besonderes, als 
‚ H a s e b r u d‘ mitgebracht und schmackhaft gemacht. „Mer kann doch nix omkomme losse“, hieß es zur Rechtfertigung. Eine  Delikatesse waren die oft trockenen Butterbrote nicht. Mit dem langen Kauen war die Begeisterung und Motivation dann auch bald zu Ende. Heute lebt  das Hasenbrot fast nur noch in Erinnerung. Lange nicht out, aber beliebt bis heute bleibt
dat  B o t t e r s t e c k  (Butterbrot), verkürzt auch nur S t e c k.  Das beweist die Redensart: „Bei-nem good beläschte Boddersteck, do weiß mer, wat mer hat.“ Deshalb ist auch heute nicht nur  bei Jugendlichen
D o p p e l d e c k e r  beliebt (zwei mit Butter bestrichene, aufeinandergelegte Brotscheiben mit einer wohlschmeckenden Einlage von Wurst, Käse, Ei usw.)  Eine  fast  vergessene Bezeichnung ist
dä  B o t t e r r a m me.  Christian von Stramberg notiert ihn schon 1869 in seinen Mundartaufzeichnungen auch als Bodderhamm. Freher koome die Pänz als nomendaachs bei ihr Modder geloff on hann gesood: „Mach mer mol bitte en Bodderramm. Ich hann Kohldamp.“ Fast in Vergessenheit geraten ist die Bezeichnung
P i l l für ein dickes Butterbrot, Viel Brot, wenig Belag. In gut bürgerlichen Familien war diese derbe Bezeichnung nicht geschätzt. Die Aufforderung: „Gem-mer mol ein Pill her“, zeigte von mangelnder Erziehung. Jeder hat einen anderen Geschmack und so findet 
dat  K i e r s c h t j e, oder auch Kn i e r z j e genannt, Liebhaber und Verächter. Lieben die einen es  heiß und innig, ist es für andere zu hart. Peter Preußer erzählt z.B. in seinem Gedicht ‚Dat Pitterche‘ u.a.:
...denn von dä siwwe Kenner wollt kains dat Kierschtje esse. Hat do die Tant sich renngemängt: „Ihr Kenner sollt mol sehn: Wer brav vom Brud dat Kierschtje isst, dä wierd och später scheen!“ Dat Pitterche betracht die Tant, droff sood dä kleine Hess: „Dann has-de awer ganz bestemmt noch nie e Kierschtje gess.“ Bei Schmalhans Küchenmeister gab es
G e l l e s c h n i t t e  - eine in Eierkuchenteig getauchte, in der Pfanne gebratene Brotscheibe. ‚Wenn die Fraue en arme Zäite nix hatte fier off-et Steck, dann hann-se sich geholf on hann Gelleschnitte gemacht.‘
 
S c h n i t t c h e r sind dagegen Luxusbrote. Sie werden reichlich gut belegt und garniert. Fritz Zimmer schwärmt 1935 bei einem Volksfest in der Stadthalle: ‚Wein, Bier on Schnaps konnt mer alles hann, och Kaffie dood mer serwere, och Schnittcher, allerhand wor droff, die dood mer presendere!‘  Als  kleine ‚Edelvariante‘ werden sie heute bei Empfängen  gereicht.
 
Backwerk und Essgewohnheiten sind aber auch Indikator für Koblenzer Besonderheiten.

W e c k  sind  B r i e t c h e r
(Brötchen). Schon Josefine Moos stellt im gleichnamigen Gedicht fest: ‚Et gieht nix iwwern fresche Weck, dä knusprich es geback, erfillt zom Kaffie seine Zweck, es kernig von Geschmack. Wenn su e Brietche good geschmiert mit Bodder on Gelee, wie-et zom Freesteck sich gehiert, winkt morjens en der Freeh, greift mer met beide Hänn dernoo on lässt et schmecke sich -  on es och noch e zwettes do, dann werd och dat bestrich.‘ Kritisches Urteil der Schängel, wenn die geliebten Weck zu klein und zu hell geraten sind: „ Die Brietcher säin jo vom Duud erschrock.“
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts waren schon die knusprigen ‚Wasserweck und
die  S c h ä s s j e r , eine Koblenzer Spezialität. Die ‚Paarweck‘ haben damals 4 Pfennig gekostet. Je nach Straße oder Stadtteil werden sie auch ‚Schössje‘ genannt. Sie sind so beliebt, dass Josefine Moos eine Hymne verfasst:
 
Lob demm ‚Schössje“
E einfach Schössje, braun geback,
es en Delikatess,
weil et su herzhaft von Geschmack
on knusprich, kernig es.
Wenn et met Bodder good geschmiert
on Schweizer Käs beläscht,
die Omenstafel lockend ziert
feehlt mer sich fruh bewäscht!
 
Jo! su e Schössje! wie dat schmeckt,
Ihr Läit, ich soon et äich,
noch besser wie e Gläsje Sekt
on seess Konditerzäisch.
Mer greift dernoo, wenn mer grad su
em Brudkorw ains entdeckt
on lässt verschwinde et em Nu
werd mer och dromm geneckt.
 
Mer kann et esse met Genuss
egal ob freeh ob spät,
e Schössje noch zom goode Schluss
es en Spezialität!
Mir hat emol mäi Modderche
ains en die Fremd gescheckt,
met Schweizer Käs on Bodderche
wie wor ich do begleckt!
 
Wie hat dat ‚Schössje‘ mir geschmeckt
als ich gepackt et aus,
ich hann en Trän em Au zerdreckt
feehlt mich schuns halw zehaus.-
Hann häit dehaim em Kecheschrank
e Schössje grad entdeckt,
dofier soon ich em Stille Dank
demm ‚Schössjens-Architekt*
 
*Josefine Moos schenkte dieses Gedicht dem Bäckermeister Karl Hahn, der seine gut gehende Bäckerei an der Liebfrauenkirche, Ecke Marktstrasse hatte.
Woher kommt der Begriff Schössje oder Schässje? Schängel erklären gerne: Ein Synonym dafür ist wegen der Ähnlichkeit das Hinterteil und sie singen am Martinstag seit altersher: ‚Stiwwele, stiwwele Stang, vor de .... hammer käi Bang, dann gimmer en dat Gässje on haue dänne ...et Schässje.‘ Ein anderes Beispiel aus dem Sprachgebrauch: ‚En staaze Jungfer, se hat käi Himd, em Tricko off-et Seilche klimmt. .. On dat Schässje, guck dir dat doch mol aan, wie e Fässje, do es noch ebbes drann‘ aus Dr. Papenberg, 1935 – Die Bauere en der Reichshall. Für Koblenzer ist die Herkunft des Begriffes damit erklärt, für Sprachwissenschaftler mag das anders sein.
 
Ein Hochgenuß:  
 
P ä f f e - N i n n c h e.
 
... E’Päffe-Ninnche‘ awer, Läit,
stammt aus der goode aale Zäit,
es herzhaft, kernig, voll Gehalt,
on es beliebt bei jung on alt.
 
Et es e Schwarzbrut, good geschmiert,
on met-er Schössjenshälft garniert,
es braun on knusprich von Geschmack,
zemol wenn-et recht kross geback.
 
Beim Kaffie, nomendachs om vier,
beim Gläsje Wein on och beim Bier,
beim Picknick, wemmer wannere dood,
dann schmeckt e Päffe-Ninnche good.
 
Dromm sei ihm häi e Lob gebracht,
dieweil mer dodroff es bedacht,
dat säine Name weiter blieht,
der Mondart net verlore gieht.
Josefine Moos
 
Woher der Name kommt?
Beim Päffje (Pfaffen) soll die Haushälterin Kather- ‚innche‘ Gäste mit dieser Spezialität bewirtet haben. ... und auch im 21.Jahrhundert lieben Schängel ‚dat Päffe-Ninnche‘.
 
... und die Schängel werden auch weiterhin im ‚Schweiße ihres Angesichts‘ gerne Brot essen.
Und beten:
„Unser tägliches Brot gib uns heute.“
 
Hannelore Kraeber
-Alle Rechte bei der Autorin-

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